S-Kurve der Technologie, ist Ihre Produktreihe ausgereizt?

Die neue Generation Ihrer Produktreihe ist fertig, und sie ist wieder besser als die alte. Nur war der Schritt diesmal kleiner, und er hat mehr gekostet. Da liegt die Frage nahe, ob die Technik ausgereizt ist. Die S-Kurve der Technologie hilft bei der Antwort, wenn Sie den richtigen Wert auftragen und danach fragen, warum die Kurve flacher wird.

Zu uns bei Truinorva kommen Entwicklungsteams auch mit der Frage, auf welche Parameter sie sich konzentrieren sollen. Dabei hilft die S-Kurve, denn sie zwingt dazu, sich auf einen Wert festzulegen.

TL;DR

  • Die S-Kurve zeigt, wie ein technischer Wert wächst, erst langsam, dann schnell und in der Reife kaum noch.
  • Tragen Sie für die letzten Generationen den Wert auf, für den Ihre Kunden kaufen, und nicht den Umsatz.
  • Wird der Gewinn je Generation kleiner, obwohl der Aufwand bleibt oder steigt, spricht das für die Reifephase.
  • Ein Abflachen heißt noch nicht, dass das Wirkprinzip am Ende ist, manchmal blockiert nur ein ungelöster Widerspruch.
  • Liegt die Grenze im Wirkprinzip, suchen Sie über die Funktion nach anderen Prinzipien für dieselbe Aufgabe.
  • Stockt die Produktreihe am Markt und nicht an der Technik, hilft keine S-Kurven-Analyse.

Was besagt das S-Kurven-Konzept?

Das S-Kurven-Konzept beschreibt, wie die Leistung einer Technik mit dem Entwicklungsaufwand wächst. So fassen es Melissa Schilling und Melissa Esmundo von der New York University in einem Fachaufsatz zu Technologie-S-Kurven zusammen. Sie stützen sich unter anderem auf Richard Foster und tragen die Leistung über dem eingesetzten Geld oder Aufwand auf.

Am Anfang kommt eine Technik langsam voran, weil ihre Grundlagen noch kaum verstanden sind. Danach steigt die Leistung schnell, weil die Entwickler wissen, welche Arbeiten je Aufwand am meisten bringen. Nähert sich die Technik ihrer eigenen Grenze, wird jede weitere Verbesserung teurer, und die Kurve flacht ab.

Eine neue Technik kann die alte überholen, obwohl sie schwächer startet, wenn ihre Kurve steiler verläuft oder ihre Grenze höher liegt. Neu heißt hier, dass sie einen ähnlichen Bedarf auf einer ganz anderen Wissensgrundlage erfüllt. Hat sie bei gleichem Aufwand deutlich mehr Potenzial, löst sie die alte auf lange Sicht wahrscheinlich ab.

Wie TRIZ die S-Kurve liest, und welchen Wert Sie auftragen

TRIZ ist eine Methodik, mit der sich technische Probleme systematisch lösen lassen. Begründet hat sie Genrich Altschuller. Was oben Leistung heißt, nennt TRIZ Hauptparameter des Werts bzw. Main Parameter of Value (MPV). Die S-Kurve zeigt dort, wie ein Hauptparameter des Werts eines technischen Systems sich über die Zeit verändert, nicht über den Aufwand.

Bleibt der Aufwand je Jahr etwa gleich, sieht die Kurve über der Zeit genauso aus wie über dem Aufwand. Steckt Ihr Team jedes Jahr mehr Aufwand in die Reihe, kann die Kurve über der Zeit weiter steigen. Je Aufwand kann die Technik dann aber schon weniger bringen. Sinkt der Aufwand, kann die Kurve früher abflachen, als es die Grenze der Technik erwarten lässt. Darauf weisen Schilling und Esmundo hin.

Auftragen sollten Sie für die letzten drei bis fünf Generationen den Hauptparameter des Werts (MPV), für den Ihre Kunden kaufen, etwa Wirkungsgrad, Gewicht oder Durchsatz. Den Umsatz halten wir hier für ungeeignet, denn erst der Hauptparameter des Werts zeigt, wo die Technik steht. Schreiben Sie den Entwicklungsaufwand je Generation dazu, dann sehen Sie beide Lesarten auf einem Blatt.

Die S-Kurve gehört in TRIZ zu den Trends der Evolution technischer Systeme. Das sind Entwicklungsrichtungen, die unabhängig von der Branche wiederkehren, etwa das Trimmen, bei dem Bauteile wegfallen, ohne dass Qualität und Leistung verloren gehen.

Für die nächste Produktgeneration zeigen die Trends der Evolution, welche Übergänge ein System auf seinem Weg typischerweise noch vor sich hat. Wer für jeden Trend einträgt, wo das eigene System steht, sieht sein verbleibendes Entwicklungspotenzial. Wie daraus eine Technologie-Roadmap für Ihr Team wird, zeigt unser Beitrag dazu.

Woran erkennen Sie, dass Ihre Produktreihe ausgereizt ist?

Eine ausgereizte Produktreihe zeigt sich am Hauptparameter des Werts, wenn jede Generation weniger dazugewinnt, obwohl der Aufwand gleich bleibt oder steigt. In der Reifephase erreicht ein System Grenzen seiner Entwicklung, und schrittweise Verbesserung braucht unverhältnismäßig viele Mittel.

Altschuller hat dazu weitere Kennzahlen vorgeschlagen. MATRIZ, die Internationale TRIZ-Vereinigung, beschreibt sie in ihrer TRIZ-Wissensbasis zur S-Kurve. Neben dem Hauptparameter des Werts, der meist am leichtesten zu messen ist, sind das die Zahl der Erfindungen, ihre Erfindungshöhe und die Rentabilität. Die Erfindungshöhe sagt, wie weit eine Erfindung über eine einfache Verbesserung hinausgeht. Die Zahl der Erfindungen lässt sich gut über Patentdatenbanken verfolgen. Sie zeigt meist zwei Spitzen, eine beim Übergang in die Serie und eine bei Versuchen, die Lebensdauer einer Technik zu verlängern. Die Wissensbasis hält selbst fest, dass diese Kennzahlen in der Praxis ernste Grenzen haben. Nutzen Sie sie deshalb als Ergänzung zum Hauptparameter des Werts, nicht als Ersatz.

Verschlechtert jede Verbesserung am Hauptparameter des Werts einen anderen Parameter desselben Systems in einem Maß, das Sie nicht hinnehmen können, liegt ein technischer Widerspruch vor. Im Entwicklungsalltag kennen Sie ihn als Zielkonflikt. Flacht die Kurve ab, prüfen Sie als Erstes, ob ein solcher Zielkonflikt dahintersteckt.

Die Übersicht zeigt, was hinter einem Anzeichen stecken kann und was Sie dann tun können.

Anzeichen

Mögliche Ursache

Nächster Schritt

Der Hauptparameter des Werts wächst je Generation weniger, der Aufwand bleibt oder steigt

Reife der heutigen Lösung oder Grenze des Wirkprinzips

Prüfen, wo die Grenze liegt

Jede Verbesserung verschlechtert einen anderen Parameter unannehmbar

Ungelöster technischer Widerspruch

Widerspruch benennen und lösen, bevor Sie wechseln

Viele neue Erfindungen im eigenen Feld, aber mit geringer Erfindungshöhe

Mögliche Versuche, die Lebensdauer der Technik zu verlängern

Alternativen mit anderem Prinzip mitverfolgen

Eine Technik mit anderem Prinzip holt beim Hauptparameter des Werts auf

Mögliche Ablösung durch eine neue S-Kurve

Deren Hauptparameter des Werts regelmäßig neben Ihrem auftragen

Der Absatz sinkt, technisch hält die Reihe mit

Preis, Vertrieb oder Zielgruppe

Ursache am Markt suchen, keine S-Kurven-Analyse

Grenze im Wirkprinzip oder in der bisherigen Lösung

Ob die Grenze im Wirkprinzip liegt oder in Ihrer bisherigen Lösung, entscheidet aus unserer Sicht, ob Sie weiter verbessern oder das Prinzip wechseln. Lösen Sie einen Widerspruch der heutigen Lösung wirklich, statt nur einen Mittelweg zwischen den zwei Parametern zu suchen, die sich im Weg stehen, kommt die Produktreihe manchmal auf derselben Kurve weiter. Wie das gelingt, zeigt unser Beitrag zum Lösen technischer Widersprüche.

Ein Anhaltspunkt dafür, ob das Wirkprinzip selbst die Grenze setzt, ist der Abstand zu seiner physikalischen Grenze, soweit sie sich angeben lässt. Liegt Ihre Reihe schon nahe daran, bleibt auch nach einem gelösten Widerspruch wenig Spielraum. Wo die wahre Grenze einer Technik liegt, ist allerdings selten vorher bekannt, und Firmen sind sich darüber oft uneinig.

Liegt die Grenze im Wirkprinzip selbst, lohnt der Schritt zurück zur Funktion. Klären Sie, welche Funktion Ihr Produkt wirklich erfüllen muss, und suchen Sie nach anderen Wirkprinzipien, die dieselbe Aufgabe erfüllen.

Angenommen, eine Baureihe von Kreiselpumpen hat in vier Generationen beim Wirkungsgrad jedes Mal weniger zugelegt. Die erste Vermutung liegt nahe, das Prinzip sei ausgereizt. Beim Auftragen fällt dem Team aber auf, dass jeder Gewinn mit einem größeren und schwereren Gehäuse erkauft wurde. Das ist ein technischer Widerspruch zwischen Wirkungsgrad und Gewicht, und ihn zu lösen ist der erste Versuch. Erst wenn die Grenze im Strömungsprinzip selbst liegt, beginnt die Suche nach anderen Prinzipien, eine Flüssigkeit zu fördern.

Sollten Sie wechseln, sobald die Kurve abflacht?

Ein Abflachen allein ist noch kein Grund, das Prinzip zu wechseln. Clayton Christensen hat die S-Kurve an Komponenten von Festplattenlaufwerken untersucht, in einem Fachaufsatz zu den Grenzen der S-Kurve. Wann eine Kurve abflachte, hing dort von der einzelnen Firma ab und nicht von der ganzen Branche. Firmen, die bei Komponenten aggressiv auf neue S-Kurven wechselten, gewannen keinen strategischen Vorteil gegenüber Firmen, die ihre bewährten Komponenten länger weiterentwickelten. Christensen hält es sogar für möglich, dass eine Technik nicht mehr vorankommt, weil man sie für ausgereizt hält, und nicht umgekehrt.

Schilling und Esmundo schildern dazu einen Fall nach Christensen. IBM sah 1979 bei Laufwerken mit Ferritoxid die Grenze der Aufzeichnungsdichte erreicht und wechselte zur Dünnfilmtechnik. Hitachi und Fujitsu blieben beim Ferritoxid und erreichten schließlich achtmal so hohe Dichten wie die Grenze, die IBM gesehen hatte.

Den richtigen Zeitpunkt für einen Technologiewechsel liefert die Kurve deshalb nicht allein. Ob sich ein Wechsel lohnt, hängt unter anderem davon ab, welche Vorteile die neue Technik bietet und wie gut sie zu Ihren Fähigkeiten passt. Ebenso zählt, ob sie zu Produkten passt, mit denen Sie heute Geld verdienen, und wie schnell sie sich verbreiten dürfte. Wer dem Modell zu eng folgt, kann zu früh oder zu spät wechseln.

Stockt die Produktreihe dagegen am Markt, hilft keine S-Kurven-Analyse. Ob eine festgefahrene Entwicklung überhaupt ein technisches Problem ist, klärt unser Beitrag zu den vier typischen Ursachen festgefahrener Entwicklung.

Fazit und nächster Schritt

Für Ihre Entscheidung zählt jetzt weniger die Form der Kurve als die Frage, warum sie flacher wird.

Wenn Ihr Team die S-Kurven-Analyse selbst anwenden will, um den Reifegrad eines Systems einzuordnen, lernt es sie in der zweiten Stufe unseres TRIZ-Trainings. Wie die Stufen aufeinander aufbauen, zeigt unser Überblick über das TRIZ-Training.

Steht bei Ihnen eine Technologie- oder Portfolioentscheidung an, ist Rapid Research unsere Analyse dafür. Eine Woche lang sehen wir uns an, in welche Richtungen sich technische Lösungen wie Ihre typischerweise entwickeln, und gleichen das mit den großen Trends und den Trends Ihrer Branche ab. Ziel ist eine Technologie-Roadmap für Ihre Produktreihe. Fragen Sie Rapid Research für Ihre Produktreihe an.

Häufig gestellte Fragen

Ist die S-Kurve einer Technologie dasselbe wie der Produktlebenszyklus?

Nein, die S-Kurve einer Technologie zeigt einen technischen Wert, der Produktlebenszyklus die Nachfrage nach einem Produkt. Der Produktlebenszyklus beschreibt einen glockenförmigen Verlauf, etwa des Absatzes, mit den Phasen Einführung, Wachstum, Reife, Sättigung und Degeneration. Eine Produktreihe kann deshalb am Markt altern, während ihre Technik noch Spielraum hat.

Welche Phasen hat der Technologielebenszyklus auf der S-Kurve?

In TRIZ hat die S-Kurve typischerweise drei Phasen, die Entstehung mit der frühen Entwicklung, das Wachstum und die Reife. Manchmal kommt eine vierte Phase hinzu, die Stagnation oder der Niedergang, in der der Hauptparameter des Werts nicht mehr steigt oder sogar sinkt.

Was hat der Innovationszyklus mit der S-Kurve zu tun?

Nach dem S-Kurven-Modell beginnt jede neue S-Kurve einen eigenen Zyklus, der mit einem Technikbruch anfängt und mit dem nächsten endet. Ein Technikbruch ist eine neue Technik auf anderer Wissensgrundlage. Anderson und Tushman haben solche Technologiezyklen untersucht, Schilling und Esmundo fassen zusammen, was die beiden fanden. Demnach folgt auf den Bruch zuerst eine Zeit der Unruhe, in der Firmen verschiedene Formen der neuen Technik ausprobieren. Setzt sich ein dominantes Design durch, also eine Bauform, die den größten Teil des Marktes gewinnt, beginnt eine Zeit kleiner Schritte bis zum nächsten Bruch.

Wie erkennt man früh, dass eine neue Technologie die eigene ablösen kann?

Früh erkennen Sie eine mögliche Ablösung, wenn Sie neben Ihrer eigenen Kurve auch Techniken verfolgen, die einen ähnlichen Bedarf auf einer anderen Wissensgrundlage erfüllen. Achten Sie auf die Steigung ihres Hauptparameters des Werts, auch solange er noch unter Ihrem liegt. Steigt die Zahl der Erfindungen in diesem Feld deutlich, kann das nach Altschullers Kennzahlen auf den Übergang in die Serienfertigung hinweisen.

Quellen

  • Melissa A. Schilling, Melissa Esmundo, Technology S-curves in renewable energy alternatives. Analysis and implications for industry and government. Energy Policy 37, 2009, DOI 10.1016/j.enpol.2009.01.004.
  • Clayton M. Christensen, Exploring the Limits of the Technology S-Curve. Part I. Component Technologies. Production and Operations Management 1 (4), 1992, DOI 10.1111/j.1937-5956.1992.tb00001.x.
  • MATRIZ, S-curve. TRIZ Knowledge Base, aktualisiert am 15.04.2026, abgerufen am 02.11.2026.