Viele F&E-Teams, die ich kenne, haben eine Roadmap. Meistens ist sie gut gepflegt, bunt eingefärbt und enthält eine Menge Einträge. Aber wenn man genauer hinschaut, erkennt man das Muster dahinter: Der Vertrieb hat einen Kundenwunsch eskaliert, ein Wettbewerber hat ein neues Feature gelauncht, das Management will Kosten senken. Jedes Signal hat eine Zeile erzeugt. Zusammen ergeben sie keine Entwicklungsrichtung, sondern eine Sammlung von Einzelentscheidungen.
Das ist keine Schwäche der Menschen, die diese Roadmaps erstellen. Es ist eine Schwäche des Prozesses.
Reaktiv vs. vorausschauend: Was eine echte Roadmap ausmacht
Eine reaktive Roadmap folgt dem lautesten Signal. Sie sammelt Wünsche, spiegelt den Wettbewerb und hat selten eine rote Linie, die erklärt, warum Entscheidung B auf Entscheidung A folgt. Jede neue Anforderung landet gleichwertig neben der letzten.
Eine vorausschauende Roadmap stellt eine andere Frage: Wohin entwickelt sich das technische System ohnehin? Nicht wohin will der Kunde es haben, sondern wohin bewegt es sich, wenn man die Entwicklungslogik technischer Systeme versteht.
Das ist der Unterschied zwischen einer Roadmap, die Wünsche sammelt, und einer, die auf technischer Logik aufbaut. Technische Logik bedeutet hier: Es gibt nachweisbare, branchenübergreifende Muster, nach denen sich Technologien entwickeln. Wer diese Muster kennt, kann vorausplanen, bevor Wettbewerb oder Kunden die Richtung vorgeben.
Technische Systeme entwickeln sich nach vorhersehbaren Mustern
Das klingt zunächst nach einer kühnen Behauptung. Es ist aber eine der zentralen Erkenntnisse aus der TRIZ-Methodik, die der sowjetische Ingenieur Genrich Altschuller aus der Auswertung hunderttausender Patente ableitete. Die sogenannten Gesetze der Evolution technischer Systeme beschreiben Entwicklungsrichtungen, die sich in Industrie nach Industrie wiederholen.
Drei davon sind für die Produktplanung besonders greifbar.
Systeme werden kompakter. Sensoren, die vor zwanzig Jahren ein Gehäuse in Faustgröße brauchten, sitzen heute auf einem Chip. Antriebseinheiten, die früher einen eigenen Schaltschrank belegten, sind heute integrierte Module. Wer ein System baut, das noch deutlich größer ist als seine Kernfunktion es erfordert, steht wahrscheinlich vor einem Miniaturisierungsschritt in der nächsten Generation.
Funktionen wandern von mechanisch zu elektronisch. Die mechanische Fliehkraftregelung eines Verbrennungsmotors wurde zur elektronischen Motorsteuerung. Das mechanische Schaltgetriebe wird zum softwaregesteuerten Automatikgetriebe. Pneumatische Ventilsteuerungen werden durch elektronische Proportionalventile ersetzt. Dieser Übergang passiert selten auf einmal, aber er passiert fast immer.
Systeme werden zunehmend selbststeuernd. Maschinen, die früher konstante Betriebsparameter hatten, messen heute ihren eigenen Zustand und passen sich an. Produktionsanlagen regeln Qualitätsparameter in Echtzeit. Pumpen optimieren ihre Drehzahl abhängig vom tatsächlichen Bedarf. Wer noch rein manuell gesteuerte Systeme baut, hat in vielen Branchen einen Evolutionsschritt vor sich.
Diese Muster sind keine Garantie. Aber sie sind belastbare Orientierung, und das ist mehr, als die meisten Roadmaps heute bieten.
Von Altschullers Gesetzen zu den TESE
An dieser Stelle lohnt sich ein Blick auf den aktuellen Stand. Altschuller sprach von Gesetzen. In der heutigen TRIZ-Systematik heißen sie Trends: Trends of Engineering System Evolution, kurz TESE. Der Begriffswechsel ist keine Kosmetik. Ein Gesetz gilt zwingend, ein Trend beschreibt eine empirisch belegte Entwicklungsrichtung, von der es Ausnahmen gibt. Genau so sollte ein F&E-Team damit auch arbeiten: als Hypothesengenerator, nicht als Prophezeiung.
Der zweite Unterschied ist der praktisch wichtigere. Aus Altschullers acht Gesetzen ist ein deutlich feineres Raster geworden. Die von der MATRIZ offiziell anerkannte Fassung, erarbeitet von der St. Petersburger TRIZ-Schule und 2018 von Lyubomirskiy, Litvin, Ikovenko, Thurnes und Adunka als Buch veröffentlicht, umfasst elf Trends mit jeweils eigenen Untertrends und Entwicklungslinien: S-Kurven-Evolution, Wertzuwachs, Übergang zum Supersystem, Dynamisierung, zunehmende Koordination, zunehmende Steuerbarkeit, zunehmende Vollständigkeit der Systemkomponenten, ungleichmäßige Entwicklung der Komponenten, abnehmende Einbindung des Menschen, zunehmendes Trimming und Flussoptimierung.
Die VDI 4521 Blatt 2 arbeitet auf derselben Grundlage. Sie bezeichnet die „Gesetze der Evolution technischer Systeme und ihre Ergänzungen und Erweiterungen" als stärkste Verbindung für die TRIZ-Vorhersage und führt die Trends der Technikevolution als eigenes Werkzeug.
Die drei oben genannten Muster sind in dieser Systematik keine eigenständigen Gesetze, sondern Ausschnitte. Kompakter werden speist sich aus dem Übergang zur Mikroebene, aus dem Trend des zunehmenden Trimmings und aus dem Trend des Wertzuwachses. Der Weg von mechanisch zu elektronisch liegt nahe an der Dynamisierungslinie, die von der monolithischen Struktur über gelenkige und flexible Bauformen bis zu feldbasierten Lösungen führt, und wird vom Trend der zunehmenden Steuerbarkeit getrieben. Selbststeuernd wiederum ist eine konkrete Stufe in genau diesem Trend, dessen Linie von ungesteuert über festes Programm, Eingriff in dieses Programm und externe Steuerung bis zur Selbststeuerung reicht, flankiert vom Trend der abnehmenden Einbindung des Menschen.
Der Gewinn für die Roadmap: Drei Fragen werden zu elf. Wer nur nach Miniaturisierung, Elektronik und Regelung sucht, übersieht systematisch alles, was mit Supersystem-Integration, Flüssen oder unterentwickelten Einzelkomponenten zu tun hat.
In fünf Schritten von Trends zur konkreten Roadmap
Der erste Schritt: die aktuelle Produktgeneration systematisch beschreiben. Nicht als Marketingtext, sondern funktional. Welche Kernfunktionen erfüllt das System? Welche Bauteile tragen diese Funktionen? Wo liegt die eigentliche technische Substanz?
Dann prüft man, wo das System auf den Entwicklungslinien steht. In der TRIZ heißt dieser Schritt Evolutionspotenzialanalyse. Die VDI 4521 beschreibt ihn so: Die momentane Position eines Systems oder Untersystems wird in Relation zu jedem Trend der Technikevolution gesetzt, um daraus Ableitungen zu erstellen und Möglichkeiten für die Höherentwicklung zu bestimmen. Ist es noch deutlich größer als nötig? Noch überwiegend mechanisch, obwohl Elektronik die Funktion günstiger oder präziser erfüllen könnte? Noch manuell gesteuert, obwohl Sensordaten verfügbar wären? Sind einzelne Baugruppen deutlich weiter entwickelt als andere?
Daraus lassen sich die nächsten logischen Evolutionsschritte ableiten. Nicht als Wunschliste, sondern als Hypothesen: Was ist der wahrscheinlichste nächste Schritt entlang jedes Trends?
Anschließend gleicht man Kunden- und Wettbewerbssignale gegen diese Trends ab. Nicht jedes Signal ignorieren, aber auch nicht jedes Signal isoliert bewerten. Die Frage lautet: Bestätigt dieser Kundenwunsch einen ohnehin erwartbaren Evolutionsschritt, oder ist er ein Ausreißer, der nur für einen Kunden relevant ist?
Zuletzt priorisiert man und überführt in eine zeitliche Abfolge. Evolutionsschritte, die durch mehrere Trends und externe Signale gleichzeitig gestützt werden, haben Priorität. Wünsche ohne technische Grundlage werden als Sonderfälle behandelt, nicht als Roadmap-Treiber. Kein Tool ist für diesen Prozess zwingend erforderlich. Eine strukturierte Tabelle mit elf Zeilen reicht für den Einstieg.
Kunden- und Wettbewerbssignale richtig einordnen
Vorausschauend planen bedeutet nicht, Kundenwünsche zu ignorieren. Es bedeutet, sie besser einzuordnen.
Ein Großkunde, der nach einer kompakteren Variante fragt, bestätigt möglicherweise einen Miniaturisierungsschritt, der ohnehin anstand. Das ist ein starkes Signal, das Investition rechtfertigt. Derselbe Kunde, der ein spezifisches Sonderfeature wünscht, das keinem Entwicklungstrend entspricht, verdient eine andere Antwort: Sonderentwicklung, ja, aber kein Roadmap-Eintrag.
Wettbewerbsbeobachtung funktioniert genauso. Wenn ein Wettbewerber ein Feature launcht, das einem Evolutionstrend folgt, ist das ein Hinweis auf Timing, nicht auf Richtung. Die Richtung hätte man vorher schon wissen können. Für die Timing-Frage selbst liefert die TRIZ ein eigenes Werkzeug: die S-Kurven-Analyse, mit der sich abschätzen lässt, ob eine Technologie noch Entwicklungsspielraum hat oder ihre Grenze erreicht.
Typische Fehler beim Aufbau einer Technologie-Roadmap
Der häufigste Fehler: Roadmap und Feature-Liste verwechseln. Eine Roadmap beschreibt Entwicklungsrichtungen, keine Produktkonfigurationen. Jeder Eintrag braucht eine Begründung, warum er in diese Generation gehört.
Eng damit verwandt ist die Gewohnheit, nur auf die lauteste Stimme zu reagieren. Vertrieb und Großkunden haben Gewicht, aber kein Monopol auf Richtungsentscheidungen. Externe Signale sollten immer gegen technische Trends gespiegelt werden.
Ein dritter Fehler ist neu hinzugekommen, seit Trends breiter verfügbar sind: sie als Gesetze zu lesen. Ein Trend sagt, wohin sich Systeme dieser Art typischerweise bewegen. Er sagt nicht, dass es für das eigene Produkt wirtschaftlich ist, diesen Schritt jetzt zu gehen.
Zwei weitere Schwachstellen tauchen regelmäßig auf: Roadmaps, die einmal erstellt und nie überprüft werden, und Roadmaps, bei denen niemand mehr erklären kann, warum ein bestimmter Eintrag dort steht. Technische Systeme entwickeln sich, Märkte auch. Feste Review-Zyklen, mindestens einmal pro Jahr, und dokumentierte Begründungen hinter jeder Entscheidung sind kein Overhead. Sie sind die Voraussetzung dafür, dass eine Roadmap steuerbar bleibt.
Wie systematische Innovation den Roadmap-Prozess stärkt
Wer die Entwicklungstrends für die eigene Branche identifizieren will, kommt schnell an den Punkt, wo Patentanalyse, Technologietrends und strukturierte Problemklärung zusammenkommen. Genau dort helfen TRIZ-basierte Methoden und KI-gestützte Analyse konkret weiter.
Bei Truinorva gibt es dafür verschiedene Formate, je nach Ausgangslage: einen kompakten Impulstag zur Problemdefinition, ein einwöchiges Rapid Research für Technologie- und Trendbewertung, und einen Innovation Deep Dive, der in einer priorisierten Solution Map und einer belastbaren Roadmap endet. Keines dieser Formate setzt voraus, dass das Team TRIZ bereits kennt. Der Einstieg ist bewusst niedrigschwellig gehalten.
Von der Wunschsammlung zur technischen Logik
Wer die Entwicklungstrends technischer Systeme kennt, muss nicht auf den nächsten Kundenwunsch warten, um zu wissen, wohin die nächste Produktgeneration gehen sollte. Kompakter, von mechanisch zu elektronisch, zunehmend selbststeuernd: Diese drei Fragen allein, ehrlich auf das eigene Produkt angewendet, liefern mehr Orientierung als die meisten Roadmap-Workshops. Sie sind zugleich nur drei von elf Trends, und das ist die eigentliche gute Nachricht: Die übrigen acht liegen bereit, sobald das Team den Einstieg gefunden hat.
Ein guter erster Schritt ist, die aktuelle Produktgeneration einmal entlang dieser drei Muster durchzudenken. Nicht als Projekt, sondern als Gespräch im Team. Was man dabei findet, überrascht meistens.
Quellen
- VDI 4521 Blatt 2:2018-04, Erfinderisches Problemlösen mit TRIZ — Zielbeschreibung, Problemdefinition und Lösungspriorisierung. Verein Deutscher Ingenieure e.V., Düsseldorf. vdi.de
- VDI 4521 Blatt 1:2016-04, Erfinderisches Problemlösen mit TRIZ — Grundlagen und Begriffe. Verein Deutscher Ingenieure e.V., Düsseldorf.
- Lyubomirskiy, A.; Litvin, S.; Ikovenko, S.; Thurnes, C. M.; Adunka, R. (2018): Trends of Engineering System Evolution (TESE): TRIZ paths to innovation. Sulzbach-Rosenberg: TRIZ Consulting Group. ISBN 978-3-00-059846-3. Deutsche Ausgabe (2022): Trends der Evolution Technischer Systeme — Innovationspfade gestalten mit den Trends of Engineering System Evolution (TESE), ISBN 978-3-9823412-1-7.
- MATRIZ (International TRIZ Association), TRIZ Knowledge Base: Trends of Engineering Systems Evolution (TESE). wiki.matriz.org
- MATRIZ, Trend of Increasing Controllability. wiki.matriz.org
- MATRIZ, Trend of Increasing Dynamization. wiki.matriz.org
- OIPEC / Erasmus+ (2019): Trends of Engineering System Evolution, Lehrmaterial des COILab-Workshops, Moskau — vollständige Trend- und Untertrend-Hierarchie. ec.europa.eu
- Altshuller, G. S. (1984/1987): Creativity as an Exact Science. New York: Gordon and Breach Science Publishers. ISBN 978-0-677-21230-2.
