Ein Entwicklungsteam hat monatelang an einer neuen Baugruppe gearbeitet. Die Funktion steht, die ersten Prototypen laufen, alle Anforderungen sind erfüllt. Dann kommt der Anruf der Patentabteilung: Es gibt ein Wettbewerbspatent, das den vorgesehenen Ansatz abdeckt. Sechs Monate Arbeit stehen im Raum. Die Frage lautet: umgehen oder aufgeben?

Die typische Reaktion in dieser Situation folgt einem eingespielten Muster. Material tauschen, Maße ändern, Geometrie leicht variieren. Wenn das nicht reicht, kommt die Suche nach einer Lizenz, und wenn die zu teuer wird, wird das Projekt geopfert.

Alle drei Wege ignorieren eine strukturell einfachere Option. Ein Patentanspruch schreibt genau vor, welche Merkmalskombination er schützt. Alles, was außerhalb dieser Kombination liegt, ist frei. Der Schlüssel liegt darin, den Anspruch nicht als Verbot zu lesen, sondern als Landkarte des besetzten Raums.

Zuerst prüfen: Rechtsstand des blockierenden Patents

Bevor Sie mit Design-around beginnen, klären Sie den Rechtsstand des blockierenden Patents. Ist es bereits erteilt oder noch in der Anmeldephase? In welchen Ländern gilt es? Läuft es womöglich in absehbarer Zeit aus? Gibt es einen Recherchebericht der Prüfungsstelle, der Änderungen am Anspruch nahelegt?

Diese Fragen sind nicht formaler Natur. Ein Anspruch, der noch im Prüfungsverfahren steht, kann sich substanziell ändern. Wer bereits während dieser Phase in Design-around-Arbeit investiert, riskiert, gegen eine später neu formulierte Anspruchsversion zu arbeiten, die die ursprüngliche Umgehungsstrategie hinfällig macht. Die Klärung des Rechtsstands ist damit die günstigste Weichenstellung des gesamten Prozesses.

Was ein Patentanspruch wirklich schützt

Der unabhängige Anspruch eines Patents definiert die Erfindung über eine Menge von Merkmalen. Nach ständiger Rechtsprechung gilt: Nur wenn alle Merkmale eines unabhängigen Anspruchs verwirklicht sind, liegt eine wortsinngemäße Verletzung vor. Fehlt auch nur ein Merkmal, ist die konkrete Ausführung nicht mehr vom Anspruch erfasst.

Praktisch bedeutet das: Wer einen Anspruch mit sieben Merkmalen liest und ein Merkmal davon vermeidet, hat einen legalen Weg um das Patent herum. Das ist die Grundmechanik jedes Design-around.

In der Rechtsprechung existiert daneben die äquivalente Verletzung. Sie liegt vor, wenn eine Abwandlung objektiv gleichwirkend ist, für den Fachmann auffindbar und nach dem Sinngehalt der Erfindung als gleichwertig anzusehen ist. Der Schutzbereich reicht dabei weiter, als Ingenieure oft annehmen, denn er schließt funktional gleichwertige Abwandlungen ein. Deshalb reicht ein Materialtausch oft nicht aus: Er kann äquivalent sein und damit trotzdem in den Schutzbereich fallen. Ein sauberer Design-around ändert nicht das Detail, sondern das Wirkprinzip. Der Wikipedia-Artikel zu Design-around fasst die zugrundeliegende Idee gut zusammen: es geht darum, die technische Funktion mit einem anderen technischen Prinzip zu erfüllen.

Vom Bauteil zur Funktion zum Wirkprinzip

Die meisten Design-around-Versuche scheitern an dieser Stelle. Sie denken auf der falschen Ebene.

Ein Patent beschreibt konkrete Bauteile: eine Halterung, eine Verbindung, eine Geometrie. Wer nur auf dieser Ebene variiert, bleibt im geschützten Raum. Der produktive Wechsel geht eine Ebene höher: vom Bauteil zur Funktion, von der Funktion zum Wirkprinzip.

Ein Beispiel. Ein Patent beschreibt eine Schutzplatte aus Aluminium mit Wabenstruktur. Auf Bauteilebene: Aluminium plus Waben. Auf Funktionsebene: mechanische Energie absorbieren und Aufprallkraft verteilen. Auf Wirkprinzipebene: Energieabsorption durch plastische Deformation eines Hohlkörpers.

Erst auf der Wirkprinzipebene wird der Lösungsraum groß. Wer dort ansetzt, kommt zu Alternativen wie schaumbasierter Absorption, reversibler Fixierung oder magnetisch gekoppelter Entlastung. Alle drei Wege sind nicht durch das ursprüngliche Patent geschützt, weil sie das Wirkprinzip wechseln.

Der Widerspruch, den das Patent löst

Ein Patent ist immer die dokumentierte Lösung eines Konflikts. Kein Ingenieur meldet eine Erfindung an, die nichts löst.

Das eröffnet einen produktiven Analyseweg. Statt zu fragen, wie man um das Patent herumkommt, fragt man: Welchen Widerspruch hat der Anmelder eigentlich gelöst? Dieser Reverse-Blick auf den Anspruch bringt oft mehr als jede Recherche nach Alternativlösungen.

Zurück zum Beispiel. Wenn die patentierte Schutzplatte gleichzeitig leicht sein soll und mechanisch schlüssig, dann ist der Widerspruch klar: Wandstärke gegen Gewicht. Wandstärke erhöht die Steifigkeit, aber auch die Masse. Der Anmelder löst das mit Wabenstruktur, also durch Materialverteilung im Raum. Wer diesen Konflikt kennt, kann ihn anders lösen: durch zeitliche Steifigkeitsvariation (adaptive Materialien), durch andere Materialien mit passenden Eigenschaften auf Mikroebene, oder durch völlig andere Absorptionsmechanismen. Wie das Umformulieren vom Optimierungsproblem zum expliziten Widerspruch funktioniert, erläutert unser Artikel zur TRIZ-Methode ausführlich.

KI-gestützte Alternativen: Widerspruch statt Symptome

An diesem Punkt kommt KI produktiv ins Spiel. Nicht am Anfang, sondern nachdem der Widerspruch klar ist.

Der übliche Fehler beim KI-Einsatz für Design-around ist der vage Prompt. „Gib mir Alternativen zu Patent EP123456" liefert plausibel klingende Varianten, die meistens innerhalb der Äquivalenzzone bleiben. Der Grund liegt in der Funktionsweise generativer Sprachmodelle: Sie optimieren auf sprachliche Wahrscheinlichkeit, nicht auf technische Distanz zum Ausgangsanspruch.

Der strukturierte Prompt sieht anders aus. Er enthält den formulierten Widerspruch, die geforderte Funktion und explizit die Auflage, das ursprüngliche Wirkprinzip nicht zu verwenden. Das Ergebnis ist qualitativ deutlich verschieden. Unsere separate Analyse zu KI in der Produktentwicklung zeigt den Unterschied zwischen flachem und strukturiertem Prompt an einem konkreten Beispiel.

Für Design-around ist der Aufbau immer derselbe. Der Widerspruch wird explizit benannt, die zu erhaltende Funktion wird beschrieben, das zu vermeidende Wirkprinzip wird ausgeschlossen. Erst dann kommt die Aufforderung, Alternativen zu generieren. Diese Reihenfolge macht den Unterschied zwischen fünf oberflächlichen Varianten und drei bis vier substantiell verschiedenen Lösungsrichtungen.

Bewertung: Welche Alternative ist wirklich eine Lösung

KI produziert Alternativen. Die Bewertung, ob eine davon tragfähig ist, bleibt Aufgabe des Teams.

Vier Kriterien helfen bei der Sortierung. Erstens: technische Plausibilität. Ist das Wirkprinzip physikalisch anwendbar auf den vorliegenden Anwendungsfall? Zweitens: Umsetzungsaufwand. Wie weit weg vom aktuellen Entwicklungsstand ist die Alternative? Drittens: strategische IP-Perspektive. Liegt die Alternative erkennbar außerhalb des Anspruchsumfangs, oder bewegt sie sich in der Äquivalenzzone? Viertens: wirtschaftliche Attraktivität. Löst sie das eigentliche Kundenproblem noch, das die ursprüngliche Lösung motiviert hatte?

Dieser Bewertungsschritt ist der Punkt, an dem eine methodische Design-around-Arbeit von einer reinen Brainstorming-Runde abweicht. Die Frage ist nicht, welche Idee interessant klingt, sondern welche Idee alle vier Kriterien passiert. Der übergreifende Rahmen dafür, wie Sie Patente strategisch statt reaktiv nutzen, ist im Artikel zu Freedom to Operate ausgeführt.

Ein sauberer Durchlauf in vier Schritten

Wer die beschriebenen Prinzipien in der eigenen Entwicklung anwenden möchte, kann sich an einer schlanken Sequenz orientieren.

Schritt eins: Den unabhängigen Anspruch des blockierenden Patents in seine Merkmale zerlegen und funktional lesen, nicht juristisch. Welche Funktion wird von welchem Merkmal getragen?

Schritt zwei: Den Widerspruch benennen, den das Patent löst. Was verbessert die patentierte Lösung, was verschlechtert sich dabei, und wie löst das Wirkprinzip den Konflikt?

Schritt drei: Mit einem strukturierten Prompt drei bis fünf Alternativen generieren, die dasselbe Wirkprinzip explizit vermeiden. Der Widerspruch gehört in den Prompt, nicht die ursprüngliche Lösung.

Schritt vier: Die Alternativen entlang der vier Kriterien bewerten und die tragfähigste auswählen. Dokumentieren, warum sie außerhalb des Schutzbereichs liegt. Dieser Punkt wird später für das patentanwaltliche Freedom-to-Operate-Gutachten (FTO) wichtig.

Ein erfahrenes Team schafft diesen Durchlauf für einen mittelkomplexen Anspruch in etwa 90 Minuten. Das ist realistisch, nicht optimistisch. Der Zeitgewinn gegenüber unstrukturierten Varianten ist erheblich.

Der vollständige Workflow ist im Buch Think. Solve. Create. Patentblockaden smart umgehen mit System und KI (Lehner/Träger 2026, 620 Seiten) ausgearbeitet, mit Prompt-Bibliothek, Bewertungsraster und Fallbeispielen aus Automobilzulieferkette, Maschinenbau und Embedded Systems. Wer die im Blog nur angerissenen Schritte in ihrer vollen Breite nachvollziehen und selbständig anwenden möchte, findet dort die vertiefte Fassung.

Wichtig zur Einordnung

Dieser Beitrag beschreibt eine methodische und strategische Vorgehensweise für Design-around-Analysen in der technischen Produktentwicklung. Er ist keine Rechtsberatung. Ob eine konkrete Alternative die Schutzansprüche eines bestimmten Patents verletzt, ist eine rechtliche Beurteilung, die in die Verantwortung eines Patentanwalts oder einer Patentanwaltskanzlei gehört. Der hier skizzierte Prozess bereitet diese Bewertung vor, ersetzt sie aber nicht.

Live sehen, wie ein Design-around entsteht

Der beschriebene Ablauf funktioniert am besten, wenn Sie ihn einmal in Echtzeit an einem realen Anspruch beobachtet haben. Genau das ist der Kern unserer Live-Masterclass zum Buch Think. Solve. Create., „Vom Patent zur Lösungsidee in 90 Minuten". Carmen Lehner und Dr. Jens Träger nehmen dort einen echten Patentanspruch und zeigen, wie daraus KI-gestützt und methodisch plausibilisiert bewertete Lösungsrichtungen entstehen. Vier Termine, 15 Plätze pro Session, 49 Euro zzgl. USt.

Alle Details und Anmeldung: truinorva.de/masterclass

Fazit

Design-around scheitert selten am Patentrecht. Er scheitert am gewählten Analyseansatz. Wer auf Bauteilebene variiert, bleibt im geschützten Raum. Wer den Widerspruch identifiziert, den das Patent löst, und ein anderes Wirkprinzip wählt, findet in kurzer Zeit tragfähige Alternativen.

Die Kombination aus TRIZ-Widerspruchsanalyse und KI-gestützter Ideengenerierung macht diese Arbeit schneller und systematischer. Sie ersetzt weder den Ingenieur noch den Patentanwalt. Sie verschiebt beide vom reaktiven auf den strategischen Modus.

Quellen

  • Lehner, Carmen / Träger, Jens: Think. Solve. Create. Patentblockaden smart umgehen mit System und KI. Mit Beiträgen von Roberto Cali, Thomas Wyder und Oliver Mayer. Truinorva, Hetlingen 2026. 620 Seiten. ISBN 978-3-912526-00-4. Erhältlich auf Amazon.
  • Altshuller, Genrich S.: Erfinden. Wege zur Lösung technischer Probleme. Berlin, 1986.
  • Mann, Darrell: Hands-On Systematic Innovation. CREAX Press, 2002.
  • Shirodkar, Shyla: Design-Around Patent Strategies for Patentees and Competitors. Verfügbar unter patentek.com.
  • Design around — Wikipedia, abgerufen am 28.07.2026.
  • WIPO: IP and Business: Launching a New Product — Freedom to Operate, World Intellectual Property Organization.
  • Europäisches Patentamt: Espacenet-Datenbank, worldwide.espacenet.com.