Wenn in Ihrem Team eine Lösung fehlt, liegt der Griff zum Brainstorming nahe. Die Technik ist bekannt, ein Raum ist schnell gebucht, und nach einer Stunde hängt die Wand voller Zettel. Die Frage, ob Brainstorming zur Aufgabe passt, gehört aber vor die Einladung. Wir, die Truinorva GmbH, beraten zu TRIZ, der Theorie des erfinderischen Problemlösens, und halten die Art der Aufgabe für wichtiger als die einzelne Technik. Dieser Beitrag ordnet die Kreativitätstechniken deshalb nach der Aufgabe, vor der ein Entwicklungsteam steht.

TL;DR

  • Die Konstruktionslehre unterscheidet intuitive Methoden wie Brainstorming von diskursiven, also systematischen, wie dem morphologischen Kasten.
  • Unsere Empfehlung: Ist die Aufgabe klar und fehlt nur die Menge an Einfällen, reicht eine intuitive Technik.
  • Blockieren sich zwei Anforderungen, raten wir zu einer systematischen Technik, weil die Suche dann eine Richtung braucht.
  • Lässt sich die Aufgabe nicht in einem Satz aufschreiben, klären Sie zuerst die Aufgabe. Keine Technik der Ideenfindung ersetzt das.
  • Beide Gruppen lassen sich verbinden: erst systematisch die Suchrichtung festlegen, dann intuitiv Varianten sammeln.

Intuitive und diskursive Kreativitätstechniken: der Unterschied

Die Konstruktionslehre von Gerhard Pahl und Wolfgang Beitz kennt für die Lösungssuche unter anderem zwei Gruppen von Methoden: intuitiv betonte und diskursiv betonte. So steht es im Inhaltsverzeichnis des Lehrbuchs. In der Leseprobe des Buchs (Ausgabe von 2006) nennen die Autoren Brainstorming als intuitive Methode und den morphologischen Kasten als diskursive.

Jami Shah, Noe Vargas-Hernandez und Steve Smith sprechen in der Zeitschrift Design Studies (2003) von intuitiven und logischen Methoden der Ideenfindung. Die intuitiven sollen Denkblockaden lösen. Die logischen zerlegen und analysieren die Aufgabe systematisch und stützen sich auf Datenbanken, technische Prinzipien und Lösungskataloge. Die drei Autoren zählen TRIZ zu den logischen Methoden. Die Richtlinie VDI 4521 Blatt 2 von 2018 beschreibt TRIZ als Systematik von Annahmen, Regeln, Methoden und Werkzeugen. Mit TRIZ lassen sich Systeme verbessern, etwa Produkte und Prozesse. Wie diese Werkzeuge zusammenhängen, erklärt unser Beitrag Was ist die TRIZ-Methode?.

Einheitlich ist die Grenze zwischen den Gruppen nicht. Bei Shah steht die morphologische Analyse unter den intuitiven Methoden. Das wichtigste Hilfsmittel dieser Analyse ist der morphologische Kasten. So schreiben es J. E. Heller von der RWTH Aachen und Kollegen in einem Aufsatz zur morphologischen Analyse von 2014. Bei Pahl und Beitz steht der Kasten unter den diskursiven. Wir sprechen im Folgenden von systematischen Techniken, wenn wir die diskursive oder logische Gruppe meinen.

Die Übersicht zeigt vier Techniken aus beiden Gruppen. Die vierte ist ein Werkzeug aus TRIZ.

Technik

Einordnung

So läuft sie ab

Brainstorming

intuitiv

Die Gruppe sammelt mündlich Ideen und hält sich dabei an vier feste Regeln.

6-3-5-Methode, auch Brainwriting genannt

intuitiv

Sechs Teilnehmer skizzieren je drei Ideen in fünf Minuten. Nach jeder Runde geht das Blatt an den Nachbarn, der darauf aufbauen kann.

Morphologischer Kasten

systematisch (bei Pahl und Beitz: diskursiv)

In der ersten Spalte stehen die Teilfunktionen des Produkts, in jeder Zeile daneben mögliche Lösungen. Ein Konzept entsteht, indem das Team aus jeder Zeile eine Lösung wählt.

Widerspruchsmatrix aus TRIZ

systematisch (Shah zählt TRIZ als Ganzes zu den logischen Methoden)

Die Matrix stellt Parameter eines Systems gegeneinander und nennt je Paar Lösungsmuster, in deren Richtung das Team sucht.

Den Ablauf der 6-3-5-Methode beschreiben Andrew Wodehouse und William Ion in der Zeitschrift Research in Engineering Design (2012). Den Ablauf des morphologischen Kastens beschreiben Heller und Kollegen in ihrem Aufsatz.

Woran Sie erkennen, welche Technik zur Aufgabe passt

Welche Kreativitätstechnik passt, sollte die Art der Aufgabe entscheiden, und zwei Fragen reichen dafür. Wir empfehlen, beide vor der ersten Sitzung zu stellen.

  1. Lässt sich die Aufgabe in einem Satz aufschreiben? Der Satz nennt, was erreicht werden soll und was dabei nicht schlechter werden darf.
  2. Verschlechtert sich eine andere Eigenschaft, wenn Sie das Ziel erreichen?

Aus den Antworten ergeben sich drei Fälle.

Fall

Woran Sie ihn erkennen

Was passt

Klare Aufgabe, viele Lösungen denkbar

Der Satz steht, und nichts wird schlechter, wenn das Ziel erreicht ist. Typische Aufgaben: einen Namen finden, neue Anwendungen suchen oder erste Konzepte sammeln.

Eine intuitive Technik, etwa eine Runde 6-3-5

Zielkonflikt

Zwei Anforderungen blockieren sich, und jede Idee landet beim selben Kompromiss.

Eine systematische Technik, etwa die Widerspruchsmatrix aus TRIZ

Unscharfe Aufgabe

Der Satz gelingt nicht, oder jeder im Team schreibt einen anderen.

Zuerst die Aufgabe klären

Der erste Fall ist die Stärke der intuitiven Techniken. Brainstorming und verwandte Techniken zielen auf Menge, und Menge ist dort gefragt, wo das Team breit suchen will. Beim Zielkonflikt bringt mehr Menge nach unserer Einschätzung vor allem mehr Varianten desselben Kompromisses. Typische Anlässe für diesen zweiten Fall sind Kostendruck und technische Grenzen.

Im dritten Fall ist die Aufgabe selbst das Problem, und das Sammeln von Ideen kann warten. Lassen Sie dann jeden im Team den Satz für sich aufschreiben. Wo die Sätze auseinanderlaufen, liegt die offene Frage, und die gehört zuerst geklärt.

Dasselbe Gehäuse, zwei Wege

An einem Gehäuse, das leichter werden und steif bleiben soll, zeigt sich der Unterschied zwischen einer intuitiven und einer systematischen Technik. Das Beispiel ist ausgedacht.

Angenommen, ein Team bekommt die Aufgabe „Gehäuse leichter machen“ und startet eine Runde 6-3-5. Nach einer halben Stunde liegen viele Vorschläge auf dem Tisch: dünnere Wand, leichterer Werkstoff, Aussparungen. Beim Sortieren fällt auf, dass fast jeder Vorschlag Gewicht spart und dafür Steifigkeit kostet. Das Team verhandelt am Ende nur noch, wie viel Steifigkeit es hergeben will.

Jetzt dieselbe Aufgabe in einem Satz, der auch nennt, was nicht schlechter werden darf. Er lautet: Das Gehäuse soll leichter werden, und die Steifigkeit darf nicht unter das zulässige Maß sinken. Genau das passiert aber, wenn die Wand dünner wird. Das ist ein technischer Widerspruch. So heißt es in TRIZ, wenn die Verbesserung eines Parameters einen anderen Parameter desselben Systems stärker verschlechtert, als hinnehmbar ist.

Mit diesem Satz ändert sich die Frage. Das Team fragt jetzt, wie das Gehäuse steif bleibt, obwohl Material entfällt. Dafür gibt die Widerspruchsmatrix Hinweise. Sie arbeitet mit den 40 Innovationsprinzipien. Das sind Lösungsmuster aus der Auswertung zahlreicher Beschreibungen von Erfindungen, etwa Patenten. Je Paar von Parametern nennt die Matrix die Prinzipien, die am häufigsten verwendet wurden.

Angenommen, das Team leitet daraus zwei Suchrichtungen ab: Rippen oder Waben an Stelle der vollen Wand und einen Sandwich-Aufbau mit Schaumkern. Diese beiden Richtungen haben wir für denselben Zielkonflikt zwischen Gewicht und Steifigkeit an einem Kunststoffbauteil durchgespielt. Wie Sie die Matrix Schritt für Schritt lesen, zeigt unser Beitrag zur Widerspruchsmatrix.

Kreativitätstechniken in der Produktentwicklung

In der Produktentwicklung kommen Kreativitätstechniken beider Gruppen vor, je nach Arbeitsschritt. Pahl und Beitz nennen für Workshops zur Ideenfindung in der Produktplanung intuitive und diskursive Methoden nebeneinander. Beim Konzipieren dient der morphologische Kasten nach Heller und Kollegen in vielen Fällen dazu, aus Einzellösungen Produktkonzepte zusammenzusetzen.

Derselbe Aufsatz nennt die Grenzen des Kastens. Mit jeder Teilfunktion und jeder weiteren Lösung wächst die Zahl der möglichen Kombinationen stark an. Außerdem geben die Autoren eine Warnung wieder: Anwender könnten den Kasten nutzen, um eine Lösung zu rechtfertigen, die sie vorher intuitiv gefunden haben.

Vor- und Nachteile beider Gruppen

Intuitive Kreativitätstechniken wie Brainstorming sind auf viele Ideen angelegt, geben aber keine Suchrichtung vor. Systematische Techniken geben die Richtung vor, verlangen aber Vorarbeit an der Aufgabe. Wir halten eine Methode zur Ideenfindung dann für wirksam, wenn sie zur Art der Aufgabe passt.

Selbst die Menge ist beim Brainstorming in der Gruppe nicht sicher. Michael Diehl und Wolfgang Stroebe werteten 1987 im Journal of Personality and Social Psychology 22 Experimente aus. In 18 davon fanden Einzelne, deren Einfälle man zusammenlegte, mehr Ideen als echte Gruppen. In eigenen Versuchen erklärten die beiden Forscher den größten Teil dieses Unterschieds mit der gegenseitigen Blockade: In der Gruppe spricht immer nur einer. Gemessen wurde die Zahl der Ideen im Labor, nicht die Arbeit von Entwicklungsteams.

Die 6-3-5-Methode setzt auf Skizzen statt auf das Gespräch. Aus unserer Sicht eignet sie sich deshalb gut für eine offene Sammlung. Warum freie Sammlungen in Workshops oft ohne Ergebnis bleiben, beschreibt unser Beitrag zu Innovation Workshops für Ingenieure.

Die systematische Seite hat ebenfalls Grenzen, und das gilt auch für TRIZ, mit dem wir selbst arbeiten. Für eine offene Sammlung ohne Zielkonflikt ist TRIZ zu aufwendig, eine halbe Stunde Brainwriting bringt dort mehr. Und wenn im Beispiel niemand weiß, wie steif das Gehäuse heute ist, hilft keine der beiden Gruppen. Dann braucht das Team zuerst eine Messreihe.

Intuitive und systematische Techniken nacheinander nutzen

Beide Gruppen lassen sich verbinden: Legen Sie erst systematisch die Suchrichtung fest und sammeln Sie dann intuitiv in dieser Richtung Varianten.

Im Beispiel hieße das: Das Team fasst die Aufgabe zuerst als technischen Widerspruch und wählt eine Suchrichtung. Danach startet es eine zweite Runde 6-3-5, diesmal mit der Frage, wie das Gehäuse steif bleibt, obwohl Material entfällt. Die Blätter füllen sich wieder, aber jetzt suchen die Vorschläge in der gewählten Richtung.

Häufig gestellte Fragen

Welche Regeln gelten beim Brainstorming?

Beim Brainstorming gelten vier Regeln: möglichst viele Ideen sammeln, auch ausgefallene zulassen, Ideen anderer aufgreifen und verbinden, keine Kritik üben. So geben Diehl und Stroebe die Regeln in ihrem Aufsatz wieder.

Was ist die Walt-Disney-Methode?

Die Walt-Disney-Methode betrachtet ein Vorhaben aus drei Blickwinkeln: dem des Träumers, des Realisten und des Kritikers. Robert Dilts beschreibt in einem Artikel über Walt Disney (1996) dessen Arbeitsweise mit diesen drei Rollen; die dritte nennt er auch Spielverderber.

Was ist die SCAMPER-Methode?

SCAMPER ist aus den Anfangsbuchstaben englischer Wörter gebildet. Sie stehen für sieben Eingriffe, die zu neuen Ideen führen sollen: ersetzen, kombinieren, anpassen, verändern, anders verwenden, weglassen sowie umkehren oder neu anordnen. Zu jedem Eingriff gibt es Fragen, die eine Änderung anregen. So beschreiben es Diana Moreno und Kollegen in einem Konferenzaufsatz von 2014. Nach ihrer Darstellung baut SCAMPER auf Empfehlungen zum Brainstorming auf.

Was ist Synektik?

Synektik ist eine Mischform, die mehrere Techniken der Ideenfindung verbindet. Shah, Vargas-Hernandez und Smith führen sie unter den intuitiven Methoden, Pahl und Beitz ebenfalls.

Fazit: zuerst die Aufgabe, dann die Technik

Nehmen Sie die nächste Aufgabe, die in Ihrem Team ansteht, und schreiben Sie sie in einem Satz auf, bevor Sie eine Technik wählen. Zeigt der Satz einen Zielkonflikt, lohnt sich der systematische Weg. Wenn Ihr Team ihn von Grund auf lernen will, ist unser dreitägiges Training TRIZ Basic (Level 1) der Einstieg. Ihre Mitarbeitenden lernen dort, Widersprüche zu erkennen und mit den 40 Innovationsprinzipien erste Lösungsansätze abzuleiten. Nach bestandener Prüfung erhalten sie das Zertifikat des European TRIZ Campus e. V. Zu den TRIZ-Trainings

Quellen